…und Action – ein Fazit aus dem DSAG Jahreskongress 2019

Irgendwie klang es ja schon im Vorfeld durch: „Und Action – Digitalisierung konsequent machen“ – schon der Claim des diesjährigen DSAG-Jahreskongresses brachte zum Ausdruck, dass in vielen Unternehmen die Digitalisierung scheinbar nicht so recht vorankommt. In den Key-Notes der DASG-Vorstände zeigte sich dann, dass viele Unternehmen auch mit der Strategie der SAP in Sachen Produkte und Lizenzen sehr unzufrieden sind. Mithin geben nur 24% der befragten Unternehmen an, volles Vertrauen in die Produktstrategie der SAP zu haben – ein Alarmzeichen. Gedämpfte Stimmung also in der SAP-Community?

Weiß man in der weltweit größten Vereinigung von Anwendern zu betrieblicher Software und Prozessen nicht, wie man das Thema Digitalisierung gestaltet?  Und trifft dies auch noch zusammen mit einem schwächelnden Produktanbieter?

Warum geraten viele Unternehmen ins Stocken, wenn es darum geht die Digitalisierung zu nutzen und konsequent zu gestalten? Gemäß der DSAG-Umfrage liegen die Hürden auf dem steinigen Weg vor allem in folgenden Bereichen:

  • Ressourcen (42%)
  • Kultur (38%)

Mit einigem Abstand folgen dann konzeptionell-fachliche Fragen, wie zum Beispiel die Probleme mit der systemübergreifendenden Organisation von Stammdaten oder etwa die Skalierung von Prototypen auf das gesamte Unternehmen. Damit zeigt sich wieder einmal, dass nach wie vor die betroffenen Menschen in den Unternehmen den entscheidenden Unterschied machen. Denn weniger denn je lässt sich neues Denken verordnen. Dies ist ein Trend, der sich schon seit langem abzeichnet, der also nicht neu ist, der aber immer stärker wirkt. Es braucht in den Unternehmen Vordenker, die den Weg in die Digitalisierung erklären können. Die das „Why“ vermitteln und die Leute mitnehmen. In Nürnberg zeigte sich für mich wieder einmal, dass dies die vielleicht wichtigste Aufgabe eines strategisch aufgestellten CIO’s ist.

Digitalisierung bei Dräxlmaier – ein Beispiel wie es gelingen kann

Glücklicherweise präsentierte die DSAG zwei Prototypen eines solchen CIO’s auf der Bühne. Am ersten Tag zeigte Dr. Kian Mossanen den Weg, den Dräxlmaier in der Digitalisierung geht (Video unter https://www.dsag.de/kongress). Das Unternehmen ist ein Automobilzulieferer und arbeitet damit in einem aktuell sehr schwierigen Umfeld. Dr. Mossanen zeigt in seinem spannenden Vortrag, dass die IT sich neu aufgestellt hat und 4 Dinge in den Fokus rückt:

  • Technologie (Cloud-first mit schnellem Zugang zu neuen Technologien)
  • Organisation (Business-Abteilungen treiben in Zukunft IT)
  • Prozesse (end-to-end statt Silodenken)
  • Daten (Stammdatenmanagement)

Technologie und Business sollen bei Dräxlmaier eins werden. IT-Mitarbeiter müssen also “Business denken” und Fachabteilungen brauchen IT-Verständnis. Und genau das sind auch die Gedanken, die dem PIKON-3-Punkt-Ansatz Mensch-Informationstechnologie-Betriebswirtschaft zu Grunde liegen. Außerdem setzt man bei Dräxlmaier auf kleine Einheiten, die Innovationen (wie eine Start-Up) entwickeln und ausprobieren, die dann skaliert werden. Gerade beim Ausrollen kommt es darauf an, die Menschen zu gewinnen. Das kann man durch ein gutes Change Management begleiten. Es geht aber nicht, ohne dass die Menschen bereit sind die berühmte Komfortzone zu verlassen. Und Dr. Mossanen verstand es sehr gut, all diese unterschiedlichen Aspekte auf einen Punkt zu bringen und vor allem miteinander in Beziehung zu setzen. Den Arbeitsauftrag der IT fasste er in dem Slogan „We create Solutions“ zusammen. Alles in allem scheint Dräxlmaier sich auf einen guten Weg gemacht zu haben. Auch auf der Produktseite scheint das zu wirken, denn das Unternehmen fertigt zum Beispiel die Batterien für den neuen Porsche Cayman, ein Hochleistungs-Elektroauto, das jetzt auf der IAA vorgestellt wurde.

Digitalisierung bei Wieland – ein weiteres Beispiel für eine gute Strategie

Ein weiteres Beispiel wie ein guter Rahmen für einen Transformationsprozess aussehen kann, lieferte Georg Kästle von den Wieland-Werken, einem Hersteller von Kupferlegierungen. Er zeigte in seinem Vortrag (ebenfalls verfügbar unter https://www.dsag.de/kongress), wie Wieland sich auf den Weg in die Digitalisierung aufgemacht hat, auch ohne bereits zu wissen, wie dieser Weg oder das Ziel genau aussieht.

Man hat das Gefühl, dass für die Wieland-Werke die S/4HANA-Umstellung eine große Bedeutung im Rahmen der Digitalisierung hat. Georg Kästle spricht hier vom “Komplexitätsstaubsauger S/4”. Damit wird ein klares Ziel formuliert, das man mit der Umstellung auf das neue ERP-System verfolgt. Als Beispiel nannte er die Vereinfachungen, die sich im Rechnungswesen aus der Umstellung vom 2-Kreis auf das 1-Kreis-System (Universal Journal) ergeben.

Gleichzeitig sieht man bei Wieland aber S/4 und zusätzliche Komponenten auch als Innovationsmaschine. MRP-Live, eine autonome Planung und die Nutzung von Funktionen der Künstlichen Intelligenz zur Automatisierung von operativen Entscheidungen sind hier die Stichworte. So soll schrittweise die Produktion weiterentwickelt, flexibilisiert und neugestaltet werden. Georg Kästle brachte dies auch mit der japanischen Produktionsphilosophie des Unternehmens und dem Begriff „Monozukuri“ in Verbindung. Damit gelingt es sehr gut, bereits bestehende Gestaltungsprinzipien in die digitale Welt zu überführen.

Weiter brachte er zum Ausdruck, dass er eine enge Kooperation mit dem Kunden als unerlässlich ansieht. In seinem Sprachgebrauch heißt das dann „Kundenreißverschluss“. Gemeint ist eine enge Verschränkung mit den Anforderungen und Wünschen der Kunden, die auch in der Gestaltung von Prozessen und Systemen zum Ausdruck kommt. Schließlich geht es bei Wieland auch um Geschwindigkeit. Nicht zuletzt durch S/4 und die FioriApps sollen Prozesse vereinfacht und beschleunigt werden. Georg Kästle betonte in seinem Vortrag aber auch, dass es im Kern der Digitalisierung darum geht, die Menschen zu befähigen, die richtigen, schlauen Dinge zu tun. Er nennt das dann „Abenteuer Industrie 4.0“ innerhalb dessen Mitarbeiter auf eine digitale Lernreise geschickt wurden. Den Abschluss im Vortrag bildete die Aussage, dass eine wesentliche Fähigkeit der Menschen darin bestehen muss all diese Dinge wieder miteinander zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden.

Aus meiner Sicht zeigen die beiden Vorträge von Kian Mossanen und Georg Kästle wie wichtig es ist den Digitalisierungsprojekten einen strategischen Rahmen zu geben, die Menschen mitzunehmen und zu zeigen, dass all dies eine Vereinfachung und Beschleunigung der Prozesse und Systeme bringen kann.

Abendveranstaltung auf dem DSAG Kongress 2019: Digitalisierung konkret machen

Die DSAG, die SAP und die Kunden – On-Premise is back!

Nun noch einmal zurück zum zweiten Punkt, der die Stimmung im Moment eintrübt: Die Kunden, die DSAG und die SAP. In Nürnberg 2019 habe ich einen Satz sehr stark wahrgenommen: On-Premise is back! Es hat sich in unseren S/4-Projekten bei Paul Wurth, Putzmeister und dem Vorprojekt bei der EBZ bereits überdeutlich gezeigt, dass S/4HANA in der Public Cloud nur für wenige Unternehmen eine echte Option ist. Und das hat weniger mit den allgemeinen Bedenken gegen Cloud-Anwendungen zu tun. Zuvorderst geht es einfach darum, dass in einem S/4HANA in der Public Cloud die Flexibilität für die Gestaltung von Prozesse sehr stark eingeschränkt ist. Viele Customizing-Optionen gibt es dort gar nicht. Deshalb kommt diese Lösung nur für Unternehmen in Frage, die konsequent relativ einfach gestaltete und hoch standardisierte Prozesse (Best-Practices) nutzen wollen und können. Für Industrieunternehmen in der DACH-Region gilt dies nach unseren Erfahrungen der letzten 23 Jahre eher nicht. Viele dieser Unternehmen differenzieren sich gerade über die flexiblen Prozesse und Produkte und brauchen deshalb nach wie vor die Möglichkeiten des Customizings und da und dort auch die Möglichkeit von User-Exits und BADI’s. Dass für alle Unternehmen ein gewisser Druck zu spüren ist, die Prozesse zu vereinheitlichen und zu standardisieren ist dadurch völlig unbenommen. Aber der Sprung vom heutigen Ist-Zustand in der Industrie zu einer auf einem Public-Cloud-S/4 basierenden Landschaft ist einfach zu groß.

Für mich konnte die SAP aber auch deutlich machen, dass sie diesen Punkt verstanden hat. Christian Klein, CEO der SAP in Deutschland fasste seine Key-Note unter anderem damit zusammen, dass man den Kunden die Wahl beim Deployment zwischen Cloud und On-Premise lässt. Der Kunde soll entscheiden, wo und wann der Weg in die Cloud für ihn richtig ist. Er verband dies mit der Ankündigung, dass wichtige Funktionen in Zukunft in S/4 verfügbar sein werden (z.B. HCM, Stock Room Management). Das sind durchaus gute Zeichen auch wenn die SAP noch viel Arbeit vor sich hat, etwa bei der nahtlosen Integration von Cloudlösungen wie z.B. C/4 (CRM) mit S/4HANA. Dies wurde von vielen bemängelt, ebenso wie ein schlüssiges und einheitliches, systemübergreifendes Datenmodell.

Schlüsselthema Unternehmensplanung

Eine weitere Priorität legt die SAP auf die Unternehmensplanung und -steuerung in Echtzeit, auch das wurde in Nürnberg recht deutlich. In Zukunft soll die SAP Analytics Cloud das Spektrum von Front-Ends für die Planung ergänzen. Daneben bleibt aber SAP-BPC mit den entsprechenden IP-Funktionen (Integrated Planning) erhalten. Derzeit schätzen wir es so ein, dass dies für hochintegrierte Planungsprozesse, innerhalb derer viele Teilpläne (z.B. Absatz, Vertrieb, Produktion, Kostenstellen, Ergebnis) automatisiert aufeinander aufbauen, SAP BPC noch die bessere Wahl ist. Mit SAP BPC steht mehr und ausgereifte Funktionalität zur Verfügung. Mit der SAP Analytics Cloud steht aber eine Option zur Verfügung, die vor allem vom „look & feel“ her viele Anwender begeistern wird – nicht nur in der Planung sondern vor allem auch im Reporting.

Mein Fazit:

Alles in allem sehe ich eigentlich derzeit wenig Grund Trübsal zu blasen. Für das Vorgehen in der Digitalisierung gibt es bereits gute Beispiele, an denen man sich orientieren kann. Für mich kommt es vor allem darauf an, die Aktivitäten in einem strategischen Zusammenhang zu sehen und daraus die Prioritäten abzuleiten. Unternehmen, die am Anfang stehen, empfehle ich unser erprobtes „Self Assessment“. Hier können Sie sich selbst in kurzer Zeit einen Überblick darüber verschaffen, wo Ihr Unternehmen heute steht. Nachdem Sie die Multiple-Choice-Fragen beantwortet haben erhalten Sie eine automatisierte Bewertung. Wenn Sie uns das Ergebnis zusenden, können wir dieses gerne im Zuge einer Remote-Beratung mit unserer Einschätzung anreichern – und das völlig unverbindlich und kostenfrei:

Ermitteln Sie mit dem Self-Assessment, wie fit Ihr Unternehmen für die Digitalisierung ist.

Was die SAP und ihre Produktpolitik anbetrifft so bin ich ebenfalls sehr zuversichtlich. Wir haben mit unseren Kunden bereits erste SAP S/4HANA-Projekte erfolgreich umgesetzt. Es ist ein gutes Zeichen, dass die SAP Funktionen in das digitale Rückgrat zurückverlagert. Mit Embedded Analytics, der neuen Analysefunktionalität innerhalb von S/4HANA, können wichtige Auswertungen an die Front, sprich an den Endanwender, verlagert werden, womit sich dessen Abläufe erheblich vereinfachen und beschleunigen. Wenn die SAP ihre Ankündigungen (einheitliches Datenmodell, Verbesserung der Integration) wahr macht, werden die Kunden hier auch wieder Vertrauen fassen. Allerdings viel Zeit darf hier nicht ins Land gehen, bis mindestens erste Effekte zu spüren sind.

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